Über Wassertürme

Wassertürme gab es schon im alten Rom, auch wenn sie als Teil der Aquädukte wenig an das erinnern, was wir heute unter einem Wasserturm verstehen. Die Wasserkünste, die seit dem späten Mittelalter in vielen größeren Städten entstanden, kann man aus heutiger Sicht auch als Wassertürme bezeichnen. Sie förderten Wasser mit Schöpfrädern oder mit Wasserkraft angetriebenen Pumpen aus Flüssen. Die erste Station des Wassers waren dann meist hölzerne Bottiche in der Spitze des turmartigen Hauses. Von diesen Bottichen aus gelangte das Wasser durch hölzerne, später metallene Röhren zu Brunnen in der Stadt.

Was wir jedoch vor allem als Wassertürme bezeichnen, sind die Bauten mit großen, zum Teil riesigen Eisen-, Stahl- oder Betonbehältern, die die Städte und Gemeinden bei der Einrichtung einer zentralen Wasserversorgung vor allem in der Zeit zwischen 1880 und 1920 bauen ließen.

Die Industrie verändert die Städte

Die Epoche ist gekennzeichnet durch große Veränderungen in den Städten. Die Menschen verließen ländliche Gemeinden und suchten Arbeit in der industrie in den Städten.

Die vielen Menschen auf engem Raum verursachten allerdings auch Probleme, vor allem hygienischer Art. Krankheiten breiteten sich aus durch verunreinigtes Trinkwasser. Es galt dringend, Kanalisation und Wasserversorgung einzurichten, ein für die meisten Gemeinden nicht ganz einfaches Problem.

Zeit der Dampfmaschine

Versetzen wir uns in die Zeit zurück und stellen uns die damalige Technik vor. Als Antrieb hatte die Dampfkraft Muskel- oder Wasserkraft verdrängt. Gewaltige Dampfmaschinen konnten Pumpen antreiben und das Wasser so in das Rohrnetz drücken. Diese Maschinen sind jedoch wenig regelbar. Ein geschlossenes Rohrsystem könnte dem Druck  nicht standhalten, wenn plötzlich alle den Wasserhahn zudrehen. Andererseits würden viele nur tröpfeln, wenn plötzlich sehr viel Wasser entnommen wird.

Die heutigen, meist elektrisch angetriebenen Pumpen haben damit kein Problem. Sie können sich in kürzester Zeit den Druckschwankungen anpassen. Sie schaffen es sogar, den sprunghaft steigenden Wasserbedarf nach einem Weltmeisterschafts-Fußballspiel der deutschen Nationalmannschaft zu decken.

Für eine Dampfmaschine oder die frühen Gasmotoren undenkbar. Die Lösung: große hoch gelegene Zwischenspeicher. Gibt es Hügel oder Berge in der Umgebung, ist die Sache einfach: ein großes unterirdisches Bassin in der richtigen Höhenlage nimmt das Wasser auf und gibt es je nach Bedarf mit dem natürlichen Druck durch die Hochlage an die Haushalte ab.

Behälter am Stil

Berlin KreuzbergWie aber macht man dies in großen Städten in der Ebene? Hier muss die Höhe künstlich geschaffen werden, also brauchen wir einen Behälter auf einem Turm, eben einen Wasserturm.

Wasser ist schwer. Ein Kubikmeter wiegt eine Tonne. Die Speicherung großer Mengen davon oberhalb des höchsten Hauses im Ort war schon eine ingenieurtechnische Herausforderung. Wie gestaltet man einen Behälter so, dass kein Teil überproportional stark durch den Wasserdruck belastet wird? Wie liegt der Behälter auf dem Mauerwerk so auf, dass Druckschwankungen möglichst gut aufgefangen werden? Wie Portrait Otto Intzekann die Stützkonstruktion gestaltet werden, um einen möglichst schlanken Turmschaft bauen zu können? Diesen und ähnlichen Fragen widmeten sich Ingenieure wie Otto Intze (1843-1904) in Aachen, Georg Barkhausen (1849-1923) in Hannover und August Klönne (1849-1908) in Dortmund.

Sie entwickelten raffinierte Behälterformen, die zunächst aus Gusseisen und Stahl gebaut wurden, später auch aus Beton. Diese Behälter fassten zur Zeit ihrer Errichtung etwa ein Viertel des Tagesbedarfs und konnten über Hydranten auch die Feuerwehr jederzeit mit großen Wassermengen versorgen.

Näheres zu den Behältertypen

Als dann der neue Baustoff Beton Einzug hielt, war das auch eine Revolution für den Bau von Wassertürmen. Der Baustoff, preiswerter als Stahl, ließ sich etwas dicker ausführen und schon hielt der Betonbehälter den Wasserdruck auch bei nicht optimaler Form.

Anfangs orientierten sich die Bauingenieure noch an den traditionellen Behälterformen, dann aber entstanden völlig neue, teilweise futuristisch anmutende Bauten.

Typen von Betonwassertürmen

Eine Zierde im Stadtbild

Man gab sich vor allem bis zum Anfang des 20. Jahrhundert große Mühe mit der baulichen Gestaltung. Viele Türme standen mit ihren Verzierungen Kirch- und Schlosstürmen nicht nach und wurde oft eine Zierde des Stadtbildes. Einige Hochbehälter, vor allem die, die der Eisenbahn zum schnellen Auffüllen der Wassertanks der Dampflokomotiven dienten, blieben unverkleidet.

Ebenfalls sehr prägnant sind viele Wassertürme von Gaswerken. eigentlich darf man sie nicht als Wassertürme bezeichnen, besaßen sie doch oftmals mehrere Behälter, die die verschiedenen Zwischen- und Nebenprodukte der Stadtgasherstellung aufnahmen. Das ist vor allem Ammoniakwasser und Teer. Man sollte daher eher von Behältertürmen sprechen.

Wassertürme überall

Die Industrie benötigt viel Wasser. Diese Mengen zu liefern, überforderte die städtische Wasserversorgung bis zum Anfang des 20. Jahrhundert oftmals. So entstanden Türme in den Fabriken und Brauereien aus dieser Zeit. Wir finden sie in metallverarbeitenden Betrieben ebenso wie in Textilfabriken oder Schlachthöfen.

Es gab auch Einrichtungen, die man nicht in der Stadt wünschte: Krankenhäuser und Strafanstalten. Um auch hier die Wasserversorgung sicher zu stellen, entstanden auch hier Wassertürme.

Schließlich brauchen Pflanzen viel Wasser. Was also liegt näher, als einen botanischen oder zoologischen Garten, einen Park oder ein Gut mit einem Wasserturm auszustatten.

Wassertürme heute

Im Inneren sind Wassertürme meistens leer, es sei denn, man hat den unteren Teil des Turms schon immer für Wohnungen genutzt. Nur ganz oben, oberhalb der damals höchsten Wohnungen sitzt der oft gewaltige Behälter. Dicke Rohre führen zum Behälter, eines zum Auffüllen, das dickste ist mit dem Rohrnetz verbunden. Ein Überlaufrohr sorgt dafür, dass der Turm nicht überlaufen kann.

Heute haben die meisten Wassertürme ihre Funktion verloren. Elektronisch gesteuerte Kreiselpumpen sichern einen gleichbleibenden Druck im Wassernetz und können auch Bedarfsspitzen meistern. Die Türme stehen oft leer, viele werden inzwischen neu genutzt.

Andere Länder aber errichteten aber auch heute noch mit Hilfe des Baumaterials Spannbeton Wassertürme mit gewaltigem Fassungsvermögen. Der Hochbehälter von Örebro in Schweden etwa ähnelt einem Diskus auf einem schlanken Schaft; er fasst 9000 Kubikmeter Wasser.

Besonders gewaltig und hier auch Wahrzeichen für den Reichtum des Landes sind die Wassertürme im arabischen Raum, die auch noch in den letzten Jahren entstanden. Inzwischen scheint aber die Technik über den Hochbau gesiegt zu haben. Neue Wasserturmbaustellen scheint es nicht zu geben.

So widmen wir uns den bestehenden Wassertürmen und hoffen, dass sie noch lange als Zierde erhalten bleiben und einem neuen Nutzer Freude machen, ob als Wohnung, Hotel, Museum oder Restaurant.